19. Juli 2012, von Anne

Kalbsegen

Liebe Leserinnen und Leser!

 

Schon wieder sind zwei Wochen ins Land gegangen seit meiner letzten Alpgeschichte und in der Zwischenzeit haben wir Nachwuchs bekommen!

 

Sonntagmorgen beim Melken. Ich sitze bei Rigeli, die Melkmaschine macht ihr monotones Tick-Tick und saugt die Milch gurgelnd in die Kanne und sehe hinüber zu Mus und Reina – beide hochschwanger ächzen sie unter der Last ihrer dicken Bäuche. Welche wohl zu erst kalben wird? Und ob alles gut geht? Beide sehen aus wie ein Fass auf vier Beinen, bewegen sich mühsam durchs Gelände und auch das Liegen wird wohl zunehmend zur Qual. Reina rappelt sich jedenfalls nach kurzer Zeit schon wieder hoch und schnauft dabei wie eine Dampflok.

 

Sonntagabend nach dem Einstallen zeigt Markus auf Reina und sagt, sie würde wohl heute Nacht kalben. Tatsächlich hängt ein langer roter Schleimfetzen über ihrem

Reina mit einem ihrer Kälber

Hinterteil, ansonsten ist noch nichts zu sehen. Eine Stunde später – ich schmiere im Käsekeller die letzten Käse – ruft mir Markus von draußen durchs Fenster zu, ich möge Sebastian und den alten Onkel mit Kuhverstand herbeitelefonieren – Reina kalbt -

Zwillinge in Steißlage – eine Herausforderung der Natur für Kuh und Menschen. Kaum telefoniert, eile ich zum Stall. Markus steht mit bloßem Oberkörper und blutigem Arm am Stall – und gibt Entwarung. Ein Kalb liegt bereits im Stroh, das andere kommt kurze Zeit danach, rückwärts zwar, aber so klein, das es fast von selbst rausflutscht. Wir legen sie Reina hin, etwas später tragen wir sie in den Kälberstall.

 

Am ersten Tag sind die Zwillinge noch etwas wacklig auf den Beinen, aber schon mit einer unglaublichen Saugkraft versehen. Sie saugen die Flaschen im Nu leer und beißen sich an meinen Händen fest, die ich ihnen nach dem Füttern zum Saugen gebe. Wir haben viel Spaß zusammen, die kleinen Raubtiere und ich. Es sind ein Böckel und ein Zwick, also ein unfruchtbares Kuhkalb, beide werden uns in wenigen Tagen verlassen und in einem Mastbetrieb aufwachsen.

 

Zwei Tage später legt sich Mus am Nachmittag am

"Drillinge"

Wegrand zum Kalben ab, links die Böschung, rechts der Abhang, kein guter Platz dafür. Wir bringen sie in den Stall, wo sie ungestört von allen, innerhalb kurzer Zeit und ohne Komplikationen ein großes und wunderschönes Kuhkalb zur Welt bringt, das sich zu den Zwillingen gesellt.

 

Am Abend füttere ich die Drei und habe nur zwei Hände und eine Flasche, bräuchte aber eigentlich drei Flaschen und viele Hände. So gebe ich einem die Guttärä (Muotitaler Dialekt für Flasche) mit einer Hand und beschäftige die anderen beiden mit der anderen und weil die Zwillinge mehr beißen als saugen, behelfe ich mir dem grünen defekten Käsereihandschuh. Markus nennt mit die Guttärämutter.

 

Die Guttärämutter

Seit vorgestern sind die Kälber zu viert. Romina hat mitten in der Nacht ein riesiges Stierkalb zur Welt gebracht. Allein und ohne Hilfe hat sich die Arme wohl ziemlich geplagt, denn als Markus um zwei Uhr nachts gucken ging, lag sie völlig erschöpft mit dem Kopf zu Boden im Stroh. Zwei Stunden vorher waren noch nicht mal Wehen zu erkennen. Aber am Morgen danach ist sie mit allen auf die Weide und am Nachmittag sah ich sie mit Rulla um die brünstige Rosita buhlen. Erstaunlich wie schnell sie sich erholt hat.

 

Nun reichen meine Hände und Arme zum Kälberfüttern wohl gar nicht mehr aus und den zweiten Handschuh brauche ich wahrscheinlich auch. Aber dieses Rumgewusel und Gestupse, dieses ungestüme wilde Saugen und dieses vorsichtige Beschnüffeln würde ich mir um nichts in der Welt entgehen lassen. Nichts macht einem soviel Freude, wie junge Lebewesen bei ihren ersten Schritten in die Welt begleiten zu dürfen.

 

Eine gute Zeit wünscht Ihnen herzlich

 

Anne Weber

Kategorien: Blog Hintere Rotmatt | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Ich Gratuliere zu dem vielen Nachwuchs, es muss eine riesen Genugtung sein nach so viel Arbeit gesunde muntere Kälber begrüssen zu können.
    Ueberhaupt bin ich sehr erfreut über so viel Frauenpauer, ich hoffe euren Käse bald zu geniessen.
    Viel Spass auf der Alp und Danke dass es euch gibt.
    mit freundlichen Grüssen

  2. Grüäzi Hanna Frei! Herzlichen Dank für Ihre Grüsse und Komplimente, über die ich mich sehr freue. Der junge Muotitaler Alpchäs ist zum Verzehr frei gegeben, doch je reifer, desto besser…

    Alles Gute wünscht Ihnen

    Anne Weber